Miclante Vandari - Die Gräfin

neuland

 

 

1. Tag der Besiedelung

 

Die Reise verlief beschwerlicher als erwartet. Kurz vor dem Ziel wurde unser Karren von Räubern überfallen. Die Diener flohen in den Wald und das Pferd bald darauf hinterher. Ich konnte mich in den Sträuchern verstecken. Während sie den Karren auseinander nahmen, brach die Nacht herein. Die Banditen hielten inne, den Blick auf den Vollmond gerichtet und flohen. Kein Geräusch, nichts, was diese Flucht begründet hätte. Nur der Schatten der umstehenden Bäume. Später wurde mir klar, was der Auslöser für ihr kopfloses Handeln war.

Ich setzte meinen Weg mit deutlich dezimiertem Gepäck fort. Vom Dorf stand nur noch eine halb niedergebrannte Palisade und einige Fundamente. Die letzten Gebäude, die den Krieg überstanden hatten, standen in Flammen. Das Feuer hatte nicht nur mir den Weg gewiesen, sondern auch einer Hand voll weiterer Siedler, denen hier eine neue Heimat versprochen worden war.

Nachdem die Ruinen nicht bewohnbar waren, schlugen wir die Zelte auf. Eine vorübergehende Unterkunft, bis das erste Gebäude wieder errichtet wäre. Zu meinem großen Erstaunen war das Dorf nicht leer, wie man es mir zugetragen hatte. Es gab noch zwei Überlebende. Dabei hatte der Fürst geschworen, alles in diesem Landstrich sei tot. Die Einsamkeit hat den beiden Überlebenden wohl den Verstand gekostet. Sie reden wirr. Sie sprechen von Geistern und wandelnden Bäumen. Sie sind nicht begeistert von unserem Auftauchen, aber sie werden sich damit abfinden müssen. Dies hier ist ab sofort mein Land, ob es ihnen passt oder nicht.

Erst spät in der Nacht standen die Zelte und erschöpft nahmen wir alle am Feuer platz. Zehn waren wir und dazu die zwei Überlebenden. Wir stellten gerade einander vor, als eine eigentümliche Gestalt sich zu uns gesellte. Jetzt wusste ich, warum die Räuber am Abend geflohen waren. Einer der Bäume begann sich zu bewegen, trat äußerst lebendig an das Feuer heran und zu allem Überfluss sprach er. Er verlangte, das man ihn anbete, ihn als Gottheit verehrte. Er sagte, er würde uns beobachten und dann beschließen, ob wir bleiben dürften. Unfug. Als hätte so eine Abartigkeit das Recht dazu, uns von diesem Land zu vertreiben. Ungünstiger Weise sahen die übrigen Reisenden das anders. Sie wollten sich bemühen, sich an seine Forderungen zu halten, nur zu nehmen was sie bräuchten und die Natur und den Geist selbst zu ehren.

 

 

2. Tag der Besiedelung

 

Als ich am Morgen ans Feuer trete, sind meine neuen Untertanen bereits eifrig am Werk. Statt aber die Fundamente für das neue Gebäude zu errichten, sitzen sie vor einer Ansammlung von Schriftstücken. Wenigstens einer von ihnen, ein fahrender Priester irgendeines Meeresgottes, ist in der Lage zu lesen und fasst den Umsitzenden zusammen, was er in den Taschen eines Toten fand. Ich erinnere mich, dass er mir am Vorabend erklärte an einem Balken einen Erhangenen herunter geschnitten zu haben. Offenbar hatte dieser einen Abschiedsbrief verfasst. Man sollte ihn neben dem Grab seiner Frau beisetzen, welches der Priester bereits ausfindig gemacht hatte. Als wäre das nicht genug, hatte dieser Priester des Nächtens auch noch den Geist besagter Frau wandeln sehen. Was es mit diesem auf sich hatte, wollte er in der Nacht in Erfahrung bringen.

Bei Tag wurde klar,, dass die beiden nicht die einzigen Toten in diesem Dorf waren. Um die vierzig Kreuze waren überall im Dorf platziert, so dass man nirgends einen Schritt setzen konnte, ohne womöglich die Ruhe eines Toten zu stören. Es muss früher wahrlich eine große Siedlung gewesen sein. Ich befahl, die Toten auf einen einzelnen Platz umzulegen. Bevor wir es mit noch mehr Geistern zu tun bekämen. Es musste ein Friedhof her. Darum sollte sich der Geistliche kümmern.

Unter den neuen Siedlern fand sich ein Paar, welches auf einem Hof gearbeitet hatte. Sie konnten zumindest einigermaßen etwas mit den Saat-Anweisungen anfangen, die der Erhangene hinterlassen hatte und begannen das Feld zu bestellen, damit wir uns in den nachfolgenden Monaten von etwas ernähren konnten. Für das Erste würden wir uns von der Jagd ernähren müssen. Der Waldgeist hatte uns am Abend von den eigentümlichen, aber äußerst schmackhaften Tieren erzählt, die im Dorf nisteten. Ich habe solche zuvor noch nie gesehen. Flügel und Hörner hatten sie und weiches Fell. Einer der Reisenden erwies sich als fähiger Jäger und nahm sich dem Erlegen der Beute an. Ein eigenartiger Kerl, der zuvor in der Wildnis gelebt haben musste. Er spricht kaum unsere Sprache.

Unter den Siedlern war eine Schneiderin, die sich um die von der Reise zerschlissene Kleidung kümmerte. Gut das sie da war. Die Reisenden wirkten allesamt äußerst mitgenommen und ihre Arbeit tat ihrer Erscheinung gut. Am Nützlichsten war aber wohl die Handwerksmeisterin, die sich eingefunden hatte. Eine stille Frau, die jedoch wusste was sie tat. Gemeinsam mit den Anderen machte sie sich daran, Holz und Stroh heran zu tragen und zu verbinden, sodass am Abend des ersten Tages zumindest ein Dach und das Gerüst des ersten Hauses standen.

Ich setzte mich am Nachmittag mit den neuen Anwohnern zusammen, um festzulegen, was wir in diesem Dorf am dringlichsten brauchten. Ich musste mit Bedauern feststellen, das das wohl dringlichste Bildung war, denn diese Leute waren wahrlich sehr einfach. Zunächst aber, wäre es ein Gemeinschaftshaus, was wir bauen wollten, wie wir nach langen Diskussionen überein kamen. Danach würden wir weiter sehen. Einige Wohnhäuser vermutlich zu Beginn. Gemeinsam legten wir fest, das diese Siedlung von nun an den Namen Güldenheim tragen würde, benannt nach den seltsamen goldenen Früchten, die an einem Baum am Teich wuchsen.

Zudem sollten wir zeitnah mit dem Bau eines Prangers beginnen. Ich verstehe, dass diese Leute aus einfachen Verhältnissen stammen und versuche wirklich ein Nachsehen mit ihnen zu haben, aber die vorherrschende Dreistigkeit werde ich nicht dulden. Vor allem dieser Bäcker muss in seine Schranken gewiesen werden, ehe er noch alle Siedler gegen mich aufbringt. Er hat einen guten Zugang zu ihnen, was äußerst unerfreulich ist, in Anbetracht seiner Ansichten. Er könnte zum Problem werden.

Am Abend habe ich die beiden Bauern dabei ertappt, wie sie diesem Waldgeist einen Schrein bauen wollten. Ohne Frage hat hier dieser unsägliche Bäcker seine Finger im Spiel. Ich habe den Schrein zerstört und ihnen deutlich gemacht, dass ich dergleichen hier nicht dulden werde. Die Beiden zeigten sich einsichtig. Weiterhin erzählten sie mir von ihren bedenken bezüglich der Kräuterfrau. Sie sagten, sie wäre eine Hexe. Sie streitet es ab, aber ich werde sie im Auge behalten.

 

3. Tag der Besiedelung

 

 

Erneut war der Priester der erste, der am Morgen am Feuer saß. Er hatte des Nachts mit diesem Geist gesprochen, so sagt er. Die Schneiderin und der Bäcker hatten ihn dabei begleitet und sie bestätigten, dass diese Erscheinung wohl tatsächlich existierte. Sie hatten ihr Frieden gebracht und sie zudem gebeten, die Toten umbetten zu dürfen. Hierzu hatte sie ihnen die Wünsche der einzelnen Verstorbenen, zu deren Begräbnissen mitgeteilt. Bedauerlicherweise, hatte niemand daran gedacht, sich diese zu notieren. Lange Zeit diskutierten sie, welcher der Toten denn welchen Wunsch gehabt hatte. Ich hoffe sehr sie irren nicht. Ich habe vorerst genug von Geistern.

Am Vormittag haben sie die Kreuze umgesetzt. Sie sind sich sicher, es richtig gemacht zu haben. In den nächsten Wochen werden wir dann nach und nach die Gräber versetzen und eine Friedhofsmauer errichten.

Der Priester bot mir einen Handelsvertrag an. Er ist Seefahrer und bietet an, zweimal im Jahr zu uns zu kommen und uns zu beliefern. Er wird morgen wieder aufbrechen. Ich habe ihm eine Vielzahl an Bestellungen mit auf den Weg gegeben. Im Frühling wird er zurück kehren. Bis dahin steht das Dorf hoffentlich in Groben und wir alle haben bis dahin ein Dach über den Kopf. Ein Jahr war die Frist, die mir Fürst Pavel zugestanden hat. Und dann werden wir weiter sehen. Die Leute hier sind Fähig. Ich denke, es könnte gelingen. Es muss gelingen. Das hier ist der beginn von etwas Großem.